Ich durfte in meinem Leben schon sehr viele Wunder erfahren und einige Wunder sind schon passiert, bevor ich auf die Welt gekommen bin.

Das ist die Geschichte von einer Frau, deren Namen ich nicht kenne, aber der ich mein Leben zu verdanken habe.

Mein Vater wurde in Kambodscha geboren und 2018 waren wir dort, weil unser Vater meinem Bruder und mir die „alte Heimat“ zeigen wollte. Mein Vater und mein Onkel sprachen über das Leid und die Hungersnot während des Pol-Pot-Regimes, und darüber, wieviel Glück sie hatten, damals bei einer Frau untergekommen zu sein, die sie „Bong Srey“ nannten – was nicht ihr echter Name war, sondern „Große Schwester“ bedeutet.

Pol Pot und die Führung der Roten Khmer hatten eine radikale Ideologie, die das Landbewohner-Leben als moralisch und gesellschaftlich überlegen ansah. In ihrer Vorstellung waren die Bauern die „wahren Helden“ und das Rückgrat der Gesellschaft, weil sie mit der Erde und der Natur verbunden sind. Sie betrachteten die städtische Bevölkerung oft als korrupt, dekadent und als Ausbeuter der Bauern. Deshalb wurden in den späten 1970er Jahren Millionen Menschen aus den Städten aufs Land geschickt, um als Bauern zu arbeiten. Jede Stadtfamilie wurde einer Bauernfamilie zugeteilt.

Mein Vater und mein Onkel erzählten, wie sie einer solchen Frau zugeteilt wurden und wie viel sie ihr zu verdanken hatten. Damals gab es nur Gemeinschaftsküchen, und jede Person erhielt nur eine kleine Handvoll Reis. Doch „Bong Srey“ stammte aus einer Bauernfamilie, die bereits in der dritten Generation auf demselben Land lebte. Deshalb durfte sie trotz des Verbots von Privatbesitz eine kleine Gartenfläche für sich bewirtschaften.

Und alles, was sie erntete, teilte sie Mitten in der größten Hungersnot mit meinem Vater und meinem Onkel, anstatt alles für sich zu behalten.

Ich wurde hellhörig, ich wollte diese Frau kennenlernen. Mein Vater winkte allerdings ab und meinte, er hätte nicht mal einen Namen, geschweige denn eine Adresse. „Aber gibt es denn keine Möglichkeit, sie zu finden?“, frage ich.

Mein Vater dachte nach und sagte zögerlich, dass er sich erinnern kann, damals von den Roten Khmer am Mekong (Fluss) ausgesetzt worden zu sein und danach 1 Tag stromaufwärts gegangen ist. „Den Fluss gibt es ja noch“, sinnierte er, und plötzlich waren wir alle aufgeregt, schnappten uns ein Auto und fuhren los.

Zunächst fuhren wir auf asphaltierten Straßen, dann auf Schotterwegen, und schließlich auf lehmigen Pfaden. Mein Vater stieg immer wieder aus, um Straßenhändler/innen und Menschen auf der Straße nach „Bong Srey“ zu fragen. Er beschrieb alles, was er wusste: dass sie damals alleinstehend war, eine Tochter hatte – was damals sehr ungewöhnlich war –, wie alt sie und ihre Tochter waren, dass sie aus einer Bauernfamilie in der dritten Generation stammte und wie ihr Hof aussah.

Ich weiß nicht, wie oft wir stehen geblieben sind, aber es war oft. Nur einmal hatte ich den Impuls, auch auszusteigen – und das war genau die Hütte, in der ihre Tochter wohnte. Ich weiß noch, dass wir zuerst den kleinen Jungen angesprochen haben, der vor der Hütte stand. Als seine Mutter wusste, dass wir ihre Mutter suchten, durfte der kleine Junge mit uns im Auto mitfahren, um uns den Weg zu zeigen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie er am Beifahrersitz von unserem modernen SUV saß und alles bestaunte.

Als wir angekommen sind, war ich die erste, die aus dem Auto gesprungen ist, denn ich wollte alles von Anfang an auf Kamera festhalten.

Die Hütte, vor der wir standen, war offen gebaut – ohne Tür und ohne Fensterscheiben. Der Boden bestand aus Lehm, es gab kein fließendes Wasser und keinen Strom.

Heraus trat eine alte Dame, die sich wahrscheinlich wunderte, wer diese Menschen sind, die mit ihrem Enkel in so einem großen Auto kamen. Mein Vater ging auf sie zu und der Moment, in dem sie ihn erkannte, der Ausdruck in ihren Augen, wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Noch heute habe ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Sie hat uns in ihr Haus eingeladen und mein Vater und meine Mutter knieten sich vor sie hin und falteten ihre Hände vor ihren Herzen. (In der asiatischen Kultur ist diese Geste üblich– man betet sie quasi an als Zeichen für Respekt, Dankbarkeit und Demut). Wir Kinder taten es ihnen anschließend nach.

Danach sprach mein Vater mit ihr und bedankte sich bei mir. Er sagte, dass er ohne ihre Großzügigkeit als junger Mann verhungert wäre, da die kleinen zugeteilten Essensrationen für ihn nicht gereicht hätten, und dass es uns – der machte eine ausladende Geste und zeigte auf uns Kinder – ohne sie nicht geben würde. Mein Vater sagte, dass alles, wir in diesem Leben vollbringen auf sie zurückgeführt werden kann und er nicht wüsste, wie er ihr das jemals vergüten kann.

In der asiatischen Kultur ist es üblich, zu feierlichen Anlässen, älteren Personen oder Kindern Geld in einem roten Kuvert zu übergeben. Mein Vater hatte einen Geld-Umschlag für sie vorbereitet und wollte es ihr zum Abschied übergeben, aber sie hat es nicht genommen, so sehr meine Eltern darauf bestanden.

Sie meinte, sie backt jeden Tag Reiskuchen für die Schüler in der Umgebung. Damit verdient sie 1 Dollar pro Tag und mehr bräuchte sie nicht. Sie hatte noch nie einen 100-Dollar-Schein in der Hand, diesen wollte sie angreifen, aber nicht nehmen. Mich haben ihre Fragen und ihr ehrliches Staunen über die Antworten so berührt. Sie fragte uns, wo das Land ist, in dem wir jetzt wohnen, und wieviele Stunden man fliegt, um von dort hierher zu kommen. Wie die Menschen seien, die dort leben, wie deren Leben aussieht.

Für mich war diese Begegnung eine der bisher und berührendsten und einprägsamsten Erfahrungen in meinem Leben und obwohl ich schon als kleines Kind das Gefühl hatte, Teil von einem großen Ganzen zu sein, trage ich seither die Gewissheit in mir, dass jeder Mensch so unglaublich wertvoll ist und jede Handlung große Auswirkungen auf andere Menschen haben kann. Das ist einer der Gründe, warum ich tue, was ich tue – denn wir wissen nie, welche Wirkung unser Handeln entfaltet: ein freundliches Wort zu einem Fremden kann seinen oder ihren Tag retten, ein offenes Ohr für einen Menschen im Schmerz kann ein rettender Anker sein, eine liebevolle Geste innerhalb der Familie kann so viel Heilung bringen oder eine Botschaft, die wir in unserem Herzen tragen und teilen kann anderen eine Inspiration sein. Ich habe erlebt, dass scheinbar unscheinbare Handlungen eine Wirkung entfalten, die weit über das Sichtbare hinausreichen kann, und dadurch große Wunder entstehen können.